BUCHTIPP

Ein auf eine verstörende Weise beeindruckendes Debüt.

Jonas Navid Al-Nemris Band Umm Nur, das soll als allererstes gesagt werden, ist kein typisches Beispiel für die Art und Weise, in der jüngere deutsche Autoren sich in der kleinen Form versuchen.

Wenn Sie wegen der Überfülle der Beispiele davon ausgehen, dass die deutsche Kurzprosa immer noch einen amerikanisch geprägten Background hat und entweder immer noch Hemingways oder Raymond Carvers kurzen, prägnanten Stil und deren alltagsfixierten Themenkreis pflegt, dann erweitert und wiederlegt Umm Nur diesen Eindruck enorm.

Ein Solitär. Jonas Navid al- Nemri ist es gelungen, sich m.E. völlig von Vorbildern zu lösen. Seine Geschichten in diesem Band sind Schönheiten, die einen Schleier tragen und damit nur noch reizvoller werden.

 

Der Versuch, klare Handlungen, eindeutige Zeitangaben oder detaillierte Personenbeschreibungen (sprich:möglichst genau Realitätswidergabe) aus diesen Geschichten zu lesen, sollte und darf hier nicht das Hauptanliegen sein.Vorab: kaum eine Figur ist namentlich oder optisch greifbar, die Zeit, in der das Geschehen abläuft, bleibt vage. Als Kind zweier Kulturen gelingt es Jonas Navid al-Nemri, den Orient mit seinen Motiven und seinem Vokabular in die deutsche Kurzprosa zu bringen. Märchenhaftes, Zauberhaftes nicht nur in der Wortwahl.

 

Aber worum geht es dann?- wird man zurecht fragen.

Es geht, grob gesagt, um Liebe, Liebeswünsche, Liebeskampf. Um Verehrung, Werbung, ritualisiertes Begehren, ja: auch Erotik. Die oft nur wenige Seiten langen Texte kreisen in gewisser Weise mehr um das DU als um das Ich, wie es normalerweise (und oft anstrengend genug)üblich ist. Viele Texte des Bandes sind Anbetungen, Ehrungen eines Gegenübers, das verschleiert bleibt, aber gerade deshalb einen unwiderstehlichen Reiz ausübt.

 

Kernstück des Buches ist in meinen Augen die Titelgeschichte: UMM NUR, die gleichfalls auch die Längste des Bandes darstellt. Hier wird behutsam stärker ausformuliert, die Figuren, Ort und Zeit prägnanter und klarer, was sonst nur schwebend da ist. Somit ist diese Geschichte auch die vielleicht unserem üblichen Lesegeschmack am vertrautesten, behält aber dennoch ihren bezaubernden Schimmer.

 

Geschichten ohne großartige Handlung?Interaktion?Dialog?-Wie soll das funktionieren?

 

Berechtigte Frage, die ich ganz eindeutig beantworten kann mit: DURCH DIE SPRACHE!

Jonas Navid al-Nemris Geschichten sind Sprache (und Lust an der Sprache) pur. Das Vokabular mit altermtümlichen Perlen durchsetzt, einige dezente Verschiebungen in der Bedeutung und eine große Klangbeherrschung fallen auf. Sehr rhythmisch, sehr lyrisch: Die Sätze laufen wie Ketten flirrender Bilder durch meinen Kopf, mit einer virtuosen Beherrschung der Wiederholung, Steigerung und Rücknahme. Etwas Formelhaftes liegt darin und ehe ich den kompletten Sinn wahrgenommen habe, sagt mein Hirn schon wieder: Mehr, mehr, mehr! Und dennoch ist es eine bittersüße Sprache, die auch vom Kontrast, von Härte und der Grausamkeit lebt.

 

Pathos? - Sagen wir so: Die Intensität dieser Texte ist klar zu spüren, aber ein schwebender Schleier hält sie fern. Ein Gefühl, als stünde man in der Nähe eines Feuerofens, gerade weit genug entfernt, um sich nicht zu verbrennen, aber nah genug, die immense Hitze zu spüren.

 

...eine neue Mythologisierung der Innenwelt.“, hat der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger über diesen Band gesagt und er hat Recht. Der Vordere Orient ist hier als Schauplatz zu erkennen, wenn auch nur angedeutet. Dennoch handelt es sich hier weder um Märchen oder Orient-Folklore. Die Zeit in den Geschichten ist ein entrücktes Irgendwann. Die Handlung als Summe von Ereignissen wird kleingeschrieben, dafür das DU sehr groß. Eine Literatur des Innenreiches: ungreifbar, undefinierbar und veränderlich wie Traum, Märchen und Mythos. Eine Literatur und Sprache, die einfach komplett aus einem anderen Kulurkreis gespeist wird, eine andere Mythologie atmet.Dennoch ist es deutsche Literatur, nicht orientalisch in Ornamentik sich verlierend und, wie schon gesagt: ohne offensichtliche Vorbilder!

 

Ich versuche meine seltsamen Eindrücke dieser Texte abklopfen, um sie greifbar zu machen und meine Bezugspunkte kommen, natürlich, aus der deutschen Literatur, denn ich bin deutscher Leser. Aber Jonas Navid al-Nemri ist auch ein deutscher Autor, Jahrgang 1984 mit Geburtsort Hamburg!

 

Die Texte laut lesend, ihre Wiederholungen, Steigerungen und Rücknahmen aussprechend, ihren Klang, ihre Ordnung sichtend, wird sofort klar: Hier Böllt und Borchert es nicht, hier liegt nicht ein weiterer Band mit Erzählungen im Stile Judith Hermanns oder Peter Stamms vor.

Vielmehr kommt mir (völlig subjektiv natürlich) einiges der hermetischen Lyrik in den Sinn.

Hier und da höre ich Ingeborg Bachmann sagen:

 

...Bald musst du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

 

oder Paul Celan:

 

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

 

Überhaupt ist es nur Celan, der mir als Vergleich möglich scheint, wenn es den eines Vergleiches bedarf. In seiner Mischung aus klarem Bekenntnis zur deutschen Sprache und der aus vielerlei Quellen gespeisten Metaphorik, die ebenso auf die Bibel, wie den Talmud und die Kabbala zurückgeht, scheint er mir ein einziger geeigneter Verwandter dieser ungewöhnlichen Art von Literatur zu sein. Ähnlich farbig, ähnlich intensiv und rätselhaft.

 

Jedem, der ab und an über den Tellerrand der deutschen Erzählkunst in ihren üblichen Ausprägungen schauen möchte und offen ist für große Gefühle und Worte jenseits der oftmals kargen Realität, für Traum und Zauber, sei Jonas Navid al-Nemris Band Umm Nur wärmstens empfohlen. Ein Debüt, das beweist, wie sehr die vielfältigen Einflüsse anderer Kulturen die moderne deutsche Literatur zu bereichern im Stande sind.

 

Jonas Navid al-Nemri ist, wie die Hauptfigur der letzten seiner 17 Geschichten, ganz unzweifelhaft ein: Sha`er, ein Dichter!

über das Buch:

Ein Erstling-aber was für einer!

"Was zusammengehört" ist Markus Feldenkirchens erster Roman. Manchem mag er als Spiegel-Journalist schon bekannt sein.

 

Nicht immer begeistern Einen Romane von Journalisten. Was sie meist sicher beherrschen, ist eine flotte Schreibe! Das ist auch bei Feldenkirchen der Fall. Der Stil ist flüssig und gut, er verfügt aber darüber hinaus über einen großen Schatz an passenden Vergleichen und wenig abgenutzten Bildern!

 

Die Story an sich ist einfach gestrickt. Benjamin, und da geht die Sache los, ist ausgerechnet Banker und befindet sich der Krise wegen viel auf Reisen. Er hat ein immer noch fast leeres, weil selten genutztes Appartement in Frankfurt und reist mit der "richtigen" Koffermarke um die Welt. Er jongliert mit zwei Frauen herum, von denen er beide wohl nicht so richtig liebt.

 

Ein Brief aus Irland erreicht ihn, vermutlich von seiner ehemaligen ersten großen Liebe, Victoria.

Rückblickend wird erzählt, wie sich beide anläßlich eines Schüleraustausches 1989 kennenlernen.

 

Beiden Handlungsfäden, der Vergangenheit und der Gegenwart ist einiges abzugewinnen. Der irgendwie zwischen Konsum und Krise verlorene Banker auf der Suche, auch der zwischen Fussball und Kohl-Jugend pubertierende Schüler sind mit Liebe und Genauigkeit dagestellt. Die frühe Liebe in Irland, die man ruhig "groß" nennen darf, ist wunderschön, wenn auch fast schon zu schön.

 

Ein wenig dick aufgetragen ist für mich die ständige Verknüpfung zur jeweiligen Gegenwart. Aktuell spricht die Kanzlerin zum Tag der deutschen Einheit, während in der Vergangenheit gerade die Mauer fällt. 68er Lehrer und das gebrochene Weltbild ohne den real existierenden Sozialismus, ständig BirneKohl und TuttiFrutti auf RTL; es scheint, Feldenkirchen habe unbedingt alles, was die 80er Jahre ausmacht nach vielen Vorgängern in diesen Roman packen wollen. Man muss allerdings zugeben, er tut das virtuos.

 

Dass der Brief, der seine Gegenwart ins Wanken bringt, dann ausgerechnet von der Mutter Victorias stammt und ihn aufklärt, dass er mit ihrer Tochter ein Kind hat, von dem er nichts weiß, ist ein etwas arg plattes Ende.

 

Im Ganzen gibt es hier eigentlich wenig Überraschendes. Die Story ist nicht sonderlich ausgefallen. Die Charaktere sind, was sie sind. Das Zeitgeschichtliche dürfte den meisten noch vertraut sein und stimmt somit nachprüfbar. Dass Irland 1989 ein wenig archaisch und sehr sehr fromm erscheint, wird auch nicht wirklich überraschen, man schluckt sogar Victorias ultrareligiösen Vater als Hemmschuh zum großen Glück, aber, was mich den Roman wirklich gerne hat lesen lassen, ist die (es klingt komisch) große Routine für einen Erstling!

 

Man verschwindet sofort in dieser Geschichte und folgt dem einen, uralten Antrieb: Wie geht diese Geschichte aus?!

Das ist doch schon was! Außerdem gefällt mir Feldenkirchens Sprache, die unaufgeregt zwischen großer Klasse und reiner Unterhaltung pendelt. Ein guter, nicht anspruchsloser Unterhaltungsroman, bei dem man vieles hätte falscher machen können aber nur relativ wenig besser!

 

 

Über das Buch:

Der Brief legt in Sekunden frei, was Benjamin jahrelang zu verdrängen versucht hat. Beim bloßen Anblick des Absenders kehrt er ins Jahr 1989 zurück, als die Mauer fiel und er bei einem Schüleraustausch in Irland sein Herz an die geheimnisvolle Victoria verlor. Genau so, mit derselben Adresse und ohne Namen, waren damals ihre heiß ersehnten Liebesbriefe eingetroffen. 

Das meint die Presse...

»Was zusammengehört handelt auch von Liebe, von wahrer, sehnsüchtiger, unkitschiger Liebe. Überdies ist dieser großartige Erstling aber noch so viel mehr. Tiefgründig ist dieser Roman. Und trotzdem mit großer Leichtigkeit geschrieben. Er läßt einen lachen - und auch ein bisschen weinen. Er hält einen fest. Bis zur letzten Zeile. Man schlägt das Buch traurig zu, weil das Buch trotz offenen Endes erzählt ist. Und dann wünscht man sich: Bitte mehr davon!«

Maren Schürmann, Westdeutsche Allgemeine Zeitung


 

»Zeile für Zeile ergreift einen das unbestimmte Gefühl, dass Zeitgeschichte überhaupt nur merkbar bleibt, wenn sie auf der Festplatte des eigenen Erlebens abgespeichert ist. Ein kurzweilig zu lesendes Debüt, mit wunderbarer Leichtigkeit erzählt.« 

Anja Hirsch, Frankfurter Rundschau


 

»Markus Feldenkirchen beschreibt eindrücklich die Zeit, die Atmosphäre und auch die Unsicherheiten von 1989/90 und verbindet die Erzählstränge elegant und mühelos. Was zusammengehört ist ein sehr vielschichtiges Buch und ein wunderschönes Porträt der Generation Wiedervereinigung. Ein tolles Romandebüt!«

Antje Deistler, WDR 2 Bücher


 

»Ein zarter Roman über Teilung und Trennung.«

Verena Lugert, NEON


 

WAS ZUSAMMENGEHÖRT  

Roman
Coverbild: Leif Trenkler
gebunden, 320 Seiten
Format 11,6 x 18,5 cm

Entdeckung der Woche:

Kleine Geschichten, in denen ständig das ganz Große lauert!

Erstens: Was für ein Titel!
"Das Meer in Erwartung der Schwimmer"

animierte mich sofort zum Lesen!
Zweitens: Wer Erzählungen mag, ist hier sowas von auf der richtigen Seite.

Oft sagt man über die Großmeister der modernen Erzählung, Alice Munro und Raymond Carver, ihre Erzählungen läsen sich wie kleine Romane. Während es bei Munro oft an der psychologischen Genauigkeit und bei Carver an den ausführlichen Millieu-Beschriebungen liegt, ist es es bei Leonard das Offene und ungesagt Mitschwingende, welches den gleichen Eindruck hinterläßt.

Hier ist nie ein Wort zuviel. Miniaturen? Das greift nicht! Es ist nicht minimalistisch, was der Autor hier abliefert. Es ist komprimiert, soweit verdichtet, wie es geht. Ein äußerst poetischer Ansatz prägt diese Erzählungen. Nichts wird ausführlich beschrieben, nie werden Situationen, Orte, Personen ausgiebig vor das innere Auge des Leser gezeichnet und dennoch bleibt nichts davon blass.

In jedem bisschen, das der Autor uns liefert schwingt VIEL, schwingt ALLES mit.
Eine ungeheure Disziplin, am gewählten Schreibverfahren festzuhalten, ist spürbar.
Das Skizzenhafte dieser Geschichten sitzt mit jedem Strich. Alles ist offen, alles ist dezent und brennt dennoch lichterloh, hat man den Anschein.

Stark, die Geschichte um den Beamten Weber, der den Verfall seiner Ehe und seiner Gattin nach dem von ihm verschuldteten Tod der Tochter protokolliert. Henk, der einen längt entdeckten See entdeckt, in der Geschichte "Helden" und die Dialoge, die so wortkarg und dennoch so voll von Unausgesprochenem sind!
Eine unterkühlte Erotik schwebt durch fast alle diese Geschichten und eine Ahnung vom Anfang des Endes aller oberflächlichen Normalität.

Für mich die beste Sammlung von Erzählungen der letzten Zeit und eine echte Entdeckung.
Kein aufgesetztes Pop-oder Trend-Getue, keine coolen Menthol-Zigaretten oder Marken-Namedropping,
keine Berlin-post-fin de siecle-Langeweile, dafür dieses wunderbare Nicht-so-ganz-genau-wissen!
Kleine Geschichten, in denen ständig das ganz Große lauert!

Über das Buch

Das besondere an Peter Leonards Texten ist, dass er so echt schreibt, Dialoge wie gerade notiert. In augenblicklicher Abfolge. Seine Dialoge stehen einfach da, mitten im Text, unvermittelt im Raum. Wirken nicht erfunden, nicht hölzern. Wie man wirklich denkt. So steht es da.

Die Gedankenabfolge wie in Wirklichkeit, wenn wir nach Worten suchen im Gespräch; uns unsicher sind, uns verbessern. Auch, was wir vielleicht lieber nicht gesagt oder gedacht hätten. Das kommt hier vor, das wird benannt.

Wir sind seine Figuren. Leonard zeigt wie mit einem Scheinwerfer auf einen Ausschnitt irgendeines Lebens, irgendeines Momentes. Mit eingeflochtenen Erinnerungen.

[...]

„Das Meer in Erwartung der Schwimmer“ ist nicht nur ein absolut empfehlenswertes Debüt sondern die Entdeckung eines neuen Autors.

Deshalb sind die neun Geschichten in seinem Debütband im Flattersatz belassen; deshalb, weil Gedanken nicht in Textblöcken zu fassen sind, weil sie einzeln kommen, hintereinander, mit Denkpausen.



Peter Leonard "Das Meer in Erwartung der Schwimmer"
erschienen am 15. Dezember 2010
im worthandel : verlag
126 Seiten, Buchformat 13x21 cm, 174 Gramm
ISBN: 978-3-935259-20-0
12,90 Euro

bestellbar in jeder Buchhandlung innerhalb von 24 Stunden

Klein und groß und außerordentlich fein

 

 

Suzanna Mikeshs Debüt:

Wann eigentlich haben wir damit aufgehört"
ist ein außergewöhnlicher Lyrikband. Nicht nur, dass die 1983 geborene Autorin gleich einen satten Stapel Gedichte vorlegt, sondern dass diese auch in ihrer Qualität gleichbleibend gut sind, ist beachtenswert!
Mikeshs Texte sind Lyrik für Menschen, die die ganz große Abstraktion, das ganz abenteuerliche Experiment ein wenig scheuen. Hier bleibt die Syntax weitgehend erhalten, kein sprachlicher Furor herrscht hier.
Alles ist einfach, scheinbar.
Sachlich, scheinbar.
Kühl? Nein!
Eine immense Intensität lässt die wenigen Worte pulsieren und schillern. Kleine Verschiebungen, kleine Brechungen bereichern diesen eigentlich schlichten Wortschatz, große Kunst!
Der Eindruck einer auf- und abgeklärten Weiblichkeit drängte sich mir auf, gepaart mit einer ungeheuren Kraft,
das ganz normale Beben des Lebens und Liebens in Worte zu fassen!

Ein Zitat:

Einfach sein


Jenseits von Sprache
von Worten

Nichts Festes mehr
unter den Füßen
Sichtbares löst sich auf
so wie die Schmerzen von früher
...

scheint mir eine Art Credo zu sein.
All diese Dinge, Umstände, Gefühle, die wir zu kennen glauben,
gewinnen eine zusätzliche, rätselhafte Komponente, unaufgeregt und dennoch unglaublich bewegt.

In ihren längeren Texten, auch mit längerem Atem und längeren Zeilen angelegt, höre ich zudem eine Autorin, von der ich gerne Prosa lesen würde.


Alles in allem ein Lyrikband, der prallvoll mit Inspiration ist
und streng einem Programm folgt, kein Sammelsurium subjektiver Befindlichkeiten und das ist sooo viel mehr, als man manchmal von jungen Lyrikern bekommt.
Vielen Dank!

Über das Buch:


Klare Poesie.
Ein Debüt wie eine Elfe
im Tagebau der Gefühle.

Suzanna Mikesh,
Jahrgang 1983,
lebt in Dresden


71 poetische Dichtungenschwarz auf weiß
88 Seiten
broschiert
Format 13 x 21 cm


Coverillustration von Franziska Müller
(Jg. 1983)


 ISBN: 978-3-935259-27-9
worthandel : verlag

14,90 Euro

Kleine Bibliothek gehobener Schätze

Hanns Henny Jahnn

Beginnen möchte ich mit einem der stärksten Leseerlebnisse, die ich überhaupt hatte, was die Ungewöhnlichkeit und Wildheit der deutschen Sprache angeht. Ein Werk des großen Autoren, Komponisten, Orgelbauers, Religionsstifters und Pferdezüchters (!) Hanns Henny Jahnn. Ein Autor, der keiner Strömung zuzuordnen ist, einer der großen Einzelgänger der deutschen Literatur. Sein Werk ist einzigartig und sprachlich von unglaublicher Kreativität. In vielen seiner Bücher wird nicht weniger als die Welt thematisiert und Jahnn war einer derjenigen, die hellsichtig Themen wie Ökologie oder Atomkraft bearbeitete, lange, bevor sie öffentlich Aufmerksamkeit erregten.

 

Perrudja, von 1929, ist ein typisches Beispiel der Jahnn`schen Erzählkunst. Verschachtelt, verrätselt und urwüchsig Märchen- und Sagenmotivik, Heldenepos und moderne Techniken miteinander verwebend. Jahnns abstruser Bildungs- und Interessenhintergrund, seine Homosexualität und sein enormer Sprachschatz finden hier zu einer Mischung zusammen, die einem den Mund offen stehen läßt. Keine leichte Lektüre, sicherlich, aber eines dieser Bücher, mit denen man sich wieder und wieder beschäftigen kann. Jahnns Pathos mag heute manchmal ungewohnt klingen und macht auch deutlich, warum es eine gerade Linie von der pathetisch aufgeladenen Sprache des Expressionismus zum Vokabular des Nationalsozialismus gibt. Dass des Autors Verbundenheit mit der Natur, der Heimat, der Rasse hie und da falsch in die Richtung "Blut & Boden" gedeutet wird, ist schade und völlig verblendet. Das "Nordische" gibt es bei Jahnn durchaus, aber niemals würde ich ihn irgendwelcher brauner Neigungen beschuldigen.

Den Weltkrieg überstand Jahnn übrigens auf einer dänischen Insel und kehrte ins Nachkriegsdeutschland zurück, ständig mahnend und warnend, aber seiner Zeit unbequem und Jahre vorraus.

Perrudja

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Perrudja ist ein 1929 erschienener Roman des Hamburger Schriftstellers Hanns Henny Jahnn (1894–1959). Das Werk hat eine singuläre Bedeutung in der deutschsprachigen Literatur, einerseits wegen seines bildgewaltigen und sprachschöpferischen Textes, andererseits wegen seiner mit ungewöhnlich disparaten Formen versehenen Handlung. Gleichzeitig ist es jedoch auch wegen der unkonventionellen Darstellung des Sexuellen umstritten. Der Roman wird dem Expressionismus zugeordnet.

Inhalt 

Jahnn erzählt die Lebensgeschichte eines Mannes namens Perrudja, dessen Herkunft im Unklaren bleibt. Als Kind wächst er einsam in den Bergen eines archaisch und zeitlos anmutenden Norwegen auf. Überraschend versorgt Mr. Grigg, ein geheimnisvoller Fremder, den Jungen mit hohen Geldbeträgen, die aus einer großen Erbschaft stammen sollen. Mit dem unerwarteten Reichtum plant Perrudja, die Welt zum Besseren zu ändern. Er baut sich eine wuchtige tempelartige Festung und gründet eine Jugendorganisation, mit deren Hilfe er Gerechtigkeit und Frieden auf der Erde erreichen will.

Perrudjas Geschlechtsleben ist unbestimmt. Er fühlt sich sinnlich zu seiner Stute Shabdez hingezogen, aber auch zu dem Arbeitersohn Alexander. Doch er wirbt schließlich um Signe, der er bereits in der Kindheit begegnet ist, und tötet, um sie zu bekommen, ihren Verlobten. Signe nimmt Anstoß an seiner Feigheit und Unentschlossenheit. Die Ehe wird in der Hochzeitsnacht nicht vollzogen, als sie erfährt, dass er sie über den Mord an seinem Nebenbuhler belogen hat. Sie entwickelt sich zu einer starken Frauengestalt und beginnt ein Verhältnis mit ihrem Knecht.

Perrudja geht daraufhin eine enge Blutsbrüderschaft mit Signes Bruder Hein ein, was bei ihm ein neues und starkes Sendungsbewusstsein auslöst. Zusammen mit Hein plant er, durch den Einsatz seiner milliardenschweren finanziellen Mittel und mit Hilfe modernster Waffen einen Endkrieg zu führen, um so die Weltherrschaft zur Rettung der von der Zivilisation verdorbenen Menschheit zu erringen. Doch Perrudja ist kein starker Held, er zaudert und lässt im entscheidenden Moment von seinem Projekt ab.

Entstehungsgeschichte 

Bereits im norwegischen Exil konzipierte Jahnn den Roman, der von seinen nordischen Erfahrungen inspiriert wurde. Den ursprünglichen Titel „Perrudjan“ änderte er später, da dieser zu sehr an seinen eigenen Namen erinnerte. 1927 hatte er eine erste Manuskriptfassung abgeschlossen. Die Lektüre des Ulysses von James Joyce beeindruckte ihn aber so sehr, dass er begann, in den nächsten beiden Jahren seinen im konventionellen Stil geschriebenen Roman umzuarbeiten.

Er verwendete nun perspektivische Verschiebungen, innere Monologe und fügte Symbole, Gedichte, Musik und andere Joycesche Kunstmittel ein. Der Hamburger Verlag Enoch, mit dem Jahnn einen Vertrag über die Veröffentlichung hatte, verlangte 1929 umfangreiche Streichungen und Änderungen, die Jahnn aber ablehnte. Nach Auflösung des Vertrages übernahm der Gustav Kiepenheuer Verlag den Druck einer limitierten zweibändigen Ausgabe von 1020 Exemplaren. Der Verkauf verlief trotz lobender Kritiken schleppend; Gründe waren der hohe Verkaufspreis dieser bibliophil ausgestatteten Ausgabe, aber auch Umfang und Schwierigkeitsgrad des Romans.

Rezeption 

Die Erstveröffentlichung wurde von seinem Schriftstellerkollegen Alfred Döblin und dem Herausgeber der „Literarischen Welt“  Willy Haas gelobt. In der „Neuen Zürcher Zeitung“ äußerte sich  Klaus Mann ausführlich, lobte das gesamte Werk und hob einzelne Episoden heraus: „Diese Kindheitserinnerung ist eines der Glanzstücke des Buches, sie ist große Dichtung, von einer Trauer und Innigkeit ohnegleichen…“ und schloss: „Das Buch ist klug bis zum Rausch, seine Kritik ist streng wie ein Gerichtstag.“Die Neuausgabe erhielt 1958 neben lobenden Kritiken nur vereinzelt entschiedene Ablehnung. In den Jahren 1958–1959 erschienen allein 40 Rezensionen in überregionalen Zeitungen sowie Literaturzeitschriften und Büchern, was aber nicht zu einer Leserflut führte, da viele damals von der unkonventionellen Darstellung des Sexuellen, aber auch von der experimentellen Sprachform abgeschreckt wurden. Als 1970 Jahnns Gesamtausgabe erschien, schrieb Werner Helwig über „Perrudja II“, dass diese zur Fortsetzung des „symphonischen Romanwerks“ gedachten Fragmente „zu den geschlossensten und schönsten Stücken des Nachlasses“ zählen. „Man hätte sich wünschen mögen, dass dieses seltsamste aller Prosawerke deutscher Sprache ganz hätte ausreifen dürfen.“ Heute wird der Roman als ein Meisterwerk der expressionistischen Literatur gesehen.

Peter Hille

Eine wirre Gestalt. Ungewöhnlich groß, mit einer immensen Menge Haar und Bart, in zerlumpten Kleidern und mit einem großen Sack über der Schulter. So konnte man den Vaganten Peter Hille durch Deutschland ziehen sehen. Sproß einer westfälischen Familie, zu einer Laufbahn als Lehrer oder Geistlichem vorgesehen, geriet er früh unter den Einfluss der modernen Literatur und Philosophie. Oft mittellos und ohne Wohnsitz war er auf dem Weg, spielte seine Rolle in der Boheme Berlins genau wie der Münchens, wie ein alter Nikolaus an einem Kaffeehaustisch denkend oder in einem Nickerchen versunken.

Seine Gedichte, Dramen und Aphorismen schrieb er auf kleinen Zettelchen, die er irgendwo in seinen Kleidern oder seinem Sack aufbewahrte und jedem bereitwillig überließ, den er für wert erachtete. Kopien besaß er nicht.

Wenig von ihm ist noch gedruckt, obwohl ihn die gesamte intellektuelle Elite seiner Zeit hoch schätzte. Tucholsky, Stefan Zweig und Else Lasker Schüler verehrten ihn und unterstützten ihn finanziell und mit unermüdlichen Empfehlungsschreiben an Verleger und Herausgeber. Er wanderte weiter.

Biographie aus Wikipedia

Peter Hille wurde als Sohn eines Lehrers geboren. Von 1869 bis 1872 besuchte er das Gymnasium Warburg, danach das Gymnasium Paulinum in Münster, wo er Mitglied der geheimen Schülerverbindung Satrebil wurde. Die Gruppe las u.a. Karl Marx, August Bebel und Charles Darwin.1874 musste Hille wegen ungenügender Leistungen das Gymnasium ohne Abschluss verlassen und arbeitete kurze Zeit als Protokollschreiber beim Staatsanwalt in Höxter und als Korrektor in einer Leipziger Druckerei.

1877 schrieb er an der Zeitschrift Deutsche Dichtung mit, die von den Brüdern Heinrich und Jluius Hart gegründet worden war. Hier erschienen seine ersten Gedichte. Für die Deutschen Monatsblätter schrieb er literaturwissenschaftliche Beiträge. Eine Zeit lang arbeitete er auch in Bremen an der sozialdemokratischen Zeitung Bremer Tageblatt. 1880 lebte er in den Londoner Elendsvierteln, lernte Sozialisten und Anarchisten kennen.

1884 finanzierte er mit seiner Erbschaft eine niederländische Schauspielertruppe, die ihn mit in den Ruin riss. Er lebte zeitweilig als Obdachloser, spielte jedoch trotzdem eine wichtige Rolle in der naturalistischen Bewegung.

1888 kam seine Tuberkulose zum Ausbruch. Karl Henckell rettete ihn vor dem Verhungern und nahm ihn mit nach Zürich. Doch bald war Hille wieder unterwegs, diesmal nach Südeuropa. 1891 suchte er Zuflucht bei seinem Freund Julius Hart. Die Polizei verfolgte ihn als angeblichen Sozialdemokraten, er flüchtete durch ganz Deutschland, bis er 1895 nach Berlin zurückkehrte. Die naturalistischen Schriftsteller sorgten für ihn. . 1902 eröffnete er ein Kabarett. Bald darauf erlag er seinem chronischen Lungenleiden und starb am 7. Mai 1904 im Alter von 49 Jahren.

Einige Anekdoten und Stimmen über den großen Peter Hille:

 

Kurt Tucholsky

  

Ich habe eine wunderherrliche Geschichte von dem Dichter Peter Hille gelesen, der das war, was die Else Lasker gern sein möchte. Er ging einmal ganz arm und frierend auf einem Landweg durchs Westfälische oder am Rhein, ohne einen Pfennig Geld, und da ist ihm ein Hund zugelaufen, der war genauso heimatlos wie er. Und den hat er ruhig mitgehen lassen und lange nachgedacht im Schnee, wie es so alles ist. Und da ist ein Auto gekommen, darin saß ein Maler, der mußte, weil weder Hille noch der Hund aufpaßten, den Hund überfahren, denn sonst hätte er den Mann überfahren. Und da ist er ausgestiegen, und hat dem Hille 50 Mark in die Hand gedrückt, aus Mitleid, er hielt ihn für einen Bettler, und weil der Hille, der noch ganz versonnen war, so merkwürdig geguckt hat, hat er ihm noch fünfzig gegeben, und dann ist er abgefahren. Und der Hille hat den toten Hund angesehn und das Geld und das davonfahrende Auto, und dann hat er die 100 Mark genommen und hat sie dem Hund unter den Kopf gelegt und ist weitergegangen.

 

(Kurt Tucholsky: Briefe aus dem Schweigen 1932-1953, Reinbek 1977) 

 

[...] Weißt Du, daß ich einen Haß auf mein Volk habe jetzt. Peter Hille, der geistvollsteDichter der Jetztzeit, stirbt zur Zeit aus Hunger und weil er keine Sohlen mehr hat; sich erkältet deshalb, Blut spuckt: und sein Volk, ja dieses Skat- und Biervolk läßt ihn höhnisch sterben. I Gitt, i Gitt, i Gitt—

 

(Detlev von Liliencron an Hermann Heiberg,20. Januar 1889)

 

Else Lasker-Schüler

 Peter Hille war einer der auserlesenen Gäste dieser Welt; wohin sein Herz sich wandte, ordneten sich Unebenheiten. Sein Erschienen schloß Versöhnung in sich. Ein weit gewaltigeres, umfassenderes Wunder, als das begrenzte Wunder. […] Ich liebte es, wenn die Menschen, selbst die Freunde, wie ich es tat, vor Peter Hille auf einer Marmorstufe verharrten. Der liebreiche Dichter Peter Baum und ich bekränzten ihn. Gerhart Hauptmann strahlte wie ein beschenkter Knabe, als Peter Hille ihn besuchte, Weihnachten trat in sein Zimmer. – Peter Hille sprach wenig, aber schon ein einziges Wort aus seinem Munde erzählte eine ganze Erzählung, war eine Weihsagung, ein Segen, eine Dichtung, eine Feuerrose, aber auch ein Wetter, ein Sommer, ein ganzer blauer Himmel.

 

(Else Lasker-Schüler in: Die Sendung, Nr. 18, 1929)

 

Vor rund 110 Jahren prophezeite Peter Hille: „Ich bin ein Geistesfaktor, mit dem man zu rechnen haben wird.“ Als er diesen Satz niederschrieb, war er gerade so arm und erfolglos wie sein nur ein Jahr älterer Zeitgenosse, der Maler Vincent van Gogh.

Ein allzuweit herbeigezogener Vergleich? Keineswegs. Es war Herwarth Walden, der Wegbereiter des Expressionismus und Frühaufspürer der Großen unseres Jahrhunderts, der bereits kurz nach Hilles Tod das Schicksal dieses Dichters mit dem Schicksal van Goghs in engste Verbindung brachte.

In seiner Zeitschrift „Der Sturm“ schrieb er über Peter Hille: „Das literarische Snobtum hat ihn nicht erkannt. Dafür ist er ein zu großer Dichter.“

Einige Gedichte Hilles:

 Schmetterling

 

Steigen
Und neigen,
Schwingenatmend
In Sonne ruhen,
In Farben spielen
Und alle Blumen
In sich fühlen.



Maienfrühe

 

Der Sonne Geburtstag
(Bei Goslar)

Die Schieferdächer zottig und breit,
Noch wacht kein einzig Haus,
Zartklare Gegend und Einsamkeit
Da jubelt ein Vöglein sich aus.

Die Sonne zu grüßen, so steigt es hinan
in reiner und reineres Blau,
Bis man es nicht mehr sehen kann,
Nun jubelt die Himmelsau.

Die Schieferdächer zottig und lang,
Schroff ragt ein Berg einher,
Die Mondsichel zart und morgenbang,
Da Wolkenfleisch, blühend und schwer.

Die Lerche hat die Sonne gesehn
Und sinkt nun wieder zu Tal,
Das hören die Morgenwind und wehn,
Froh glühen die Wölklein zumal.

 
Kirschbäume stehn und richten sich aus
Und schauen stumm sich um,
Wie Kinder stehn mit Spruch und Strauß
So köstlich blöd und dumm.

Siehe, da blitzt es freudig erhellt,
Da hebt es sich und steigt,
Das liebeleuchtende Antlitz der Welt,
Und unsere Seele schweigt.


Kind


Süßer Schwindel schlägt hinüber,
Heiße Blicke gehen über,
Und ein neues Leben rinnt.
Unserer Liebe starke Wonnen
Sammelt ein als frohe Sonnen
In die Himmel seiner Augen
Unser Kind.



Die Schaumgeborene

Flocken
Und Locken,
Korallen
Und Lallen,
Spritzendes Tuscheln
In errötende Muscheln,
Rosenschein
In die schäumende Wiege hinein.
”Ich bin da, ich bin da!”
Und das Meer ganz von Sinnen
Weiß nicht, was vor lauter Jauchzen
beginnen. ”Ich bin da, ich bin da!”
Bittende Wellen
Langen und schwellen:
”Ich bin da, ich bin da!”
handschriftlicher Brief Peter Hilles
Gregor von Rezzori
Gertrud Kolmar
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